wirr #1

an diesem tag allein mit mir, dem ort.
ich kam dahin aus langer zeit, bevor,
und ging und schritt nicht weiter wieder fort,
mein auge blind und taubgefühl im ohr.

in dieser nacht begann ich auf den tasten
erneuten weg durchs alpha- und gebet.
vergeben ist’s vorherig‘ rauschend rasten,
weil, was nicht sinkt zuvor, nicht widersteht.

in diesen zeiten muss ich auferstehen,
mich sammeln zwischen spalten und den zeilen,
das schreiben, dichten jünger zu verstehen,

als was ich mir diktiere in den blog.
ich sink’ und recke mich ins tiefer steilen,
aus einem blühend ast wächst solcher stock.

(240520)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 42

Ich stand im Feld,
es blühte voll von Mohn
und Gräsern, Gräben,
tief bis an den Helm.

Die roten Linien,
die ich überschreiten muss,
sind ist aus dem Garn
der roten Fahne gesponnen.

Ich bin der Text, der Text ist ich.
Er sagt: Ich war,
ich bin, ich werde sein.

Denn die Trauer der Arbeit
bleibt zu verrichten,
selbst wenn nichts ist, wie es bleibt.



(„ … alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ – Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1: 385)

(240424)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 41

Aus all dem Gekraute dem Erdboden gleich,
aus Wurzeln hinauf. Hinaus schon zwei Zentimeter
ist Licht und grünt’s.

Du siehst über dir, sehr hoch
die roten Kirschen,
die nicht sind für dich.

Denn weil du dich überschätzt,
machst du dich ganz klein,
duckst dich dem Erdboden gleich.

Im Dunkel warst sichtbar.
Hier im Licht bist du verblendet,
erblindet vom blütigen Rost dort oben.

In all dem Krauchen, dem Erdboden gleich
aus Gräbern gekrochen, nicht erstanden,
ist nicht, wie es bleibt, das Schwarz.

Es ergraut, pigmentlos die Haare.
Ins Weiß, auch keine Farb’, keine Weisheit,
erbleichst wie ein Sommer von weit.

Taube fliegt grau. Dem Erdboden gleich
der Dachrinne ein Kadaver ihrer Art,
hoch droben sein Grab.

Zweige wirfst du wie Pfeile,
bis sie sich kreuzen
am Leichnam – dem Nest.

(240326)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 40

Einst hatt’ ich Leidenschaft,
jetzt eher Leiden,
bleib‘ in der Haft,
die Freiheit zu vermeiden.

Wie ist ein Aufgang zu bewegen,
wie aus dem Untergang
dem Morgenrot entgegen
und seinem Überschwang?

Es fehl’n noch Untergänge,
die neuerlichem raten.
Es braucht erst noch mehr Zwänge
und Demut, läng’res Warten.

Es ist nicht, wie es bleibt,
wo Rückschritt geht voran
und mich zum Ende treibt,
wo Anfang mir begann.

(240129)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 39

Das Aha der Atemlosigkeit,
indem sie war, wie wenn du
den Schlund tief in ein Glas

mit Sturm-Sprudel tauchst:
ein lebendiges Ertrinksticken
wie von Lachgas aus dem Weinglas.

Zu tief geschaut,
zu flach geatmet,
zu dunkles Licht.

Dyspnoe wirft dich auf die Bahre,
trägt dich in die Notaufnahme
mit großer Welle,

die – oh je, ähem, aha … –
dich spült an Krankenstrand,
wo du nicht Influencer bist

mit Reichweite, sondern dich
eine Influenza A
auf den engsten Punkt bringt,

ins Ei(n)zel(l)zimmer,
drei Tage Isolation,
die Krankenschwestern vermummt.

Aber du bist gerettet,
statt gerichtet – erneut –
und schaust vom Bett

durchs Fenster
hinaus aufs rege Leben
morgendlichen Berufsverkehrs.

(240118)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 38

Das Leben (selbst das nur so genannte)
zu feiern, statt ob seiner Endlichkeit
zu verdammen, da

wäre ich (lebendig) dabei.
Mit der Einschränkung,
es müsste ekstatisch sein.

Wissend: das ist zu viel
verlangt, zu süchtig, zu
eigensinnig.

Dennoch: Der Schnee, der fiel,
taut jetzt wieder.
Die Nachmittagsdunkelheit

wird erhellt werden in
nur ein paar Wochen
und die zweigstarren Bäume

wieder belaubt.
Die graublauen Tauben werden
turtelgurren auf dem Balkon.

(231207)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 36

Welche Spur ich gelegt haben werde,
mich zu erinnern,
gibt die Therapeutin als Aufgabe:

Ich aber sagte und sprach,
dass ich den Sand feiner mahlte,
auf dass er schneller verwehte

und rascher durchs Uhrglas liefe,
als ich verschwunden sein werde
hinter dem Text,

der unleserlich gewesen sein wird
den Unkundigen –
solcher ich selbst.

Denn ich sage aber und spreche,
dass ich die Spur in eine Zukunft
lege, die schon immer vergangen war.

(231120)