Archiv des Autors: jmeyer

digi.diary 62 – 8

zuhause: ein chaos, verd(r)ecktes, ein nichtschon, ein je
auf gestern und heute gesetzt, nicht mehr auf morgen,
an dem ein erst- zum letzten mal geschäh’,
das würde mich verschwundenen mit mir versorgen.

so ist das draußen im neblig innerst licht
der ersten blüten am hurtigen wegesrand.
mir scheint, das will sterben lange nicht.
es feiert und feuert und setzte sich in brand

der flamme, die mir fremd, dem schattenwesen.
was ging vor da unter mozarts zopf
und auch der kugel, was war da genesen

inmitten leid und freud’ und überdruss?
alles drin ist in dem kugelkopf.
doch flieht und fliegt es dann heraus, ist schluss.

(260316: die form des sonetts rhythmisch partiell auflösend)

 

digi.diary 62 – 7

an meinen neuesten gedichten (sonette) im 63. lebensjahr gibt es von berufener seite unbedingt berechtigte kritik: olle kamellen, kein fortschritt, drehen im kreis, zweifelhafte kulturelle aneignungen. bin daraufhin auf suche nach ganz von früher, betriebssystem ögyr 2000, gegangen. diesen cover-song und – es war schon früher so – entdeckt:

 

… und wer’s mag, hier das original über einen gefallenen hollywood-engel …:

(260310)

digi.diary 62 – 6

„tell the bed not to lay like the open mouth of a grave“ (madonna)

in mich selbst bin ich geflüchteter
vor grenzen, die sind nicht zu überwinden.
von freiheit bin ich ein gezüchtigter,
alles muss, nichts kann dem mangel schwinden.

ries’ger überfluss statt mich bescheiden
und alles wollen, daraus nichts bekommen.
verlust als wunderwort für lust am leiden,
blut in steifen adern schwarz geronnen.

sag’ nicht, ich muss mich ändern: weiß ich selbst.
seit langem ewig gleich’ und selbe leier.
ich sag’s mir auf und bet’ mir vor: du fällst!

denn wenn ich falle, ist es eine feier,
ein sprung hinab in wieder wildes fest,
zu trinken’s aus bis auf den letzten rest.

(260221)

digi.diary 62 – 5

fürchte nicht das brüch’ge blau im grau,
nicht das licht, das selbst im dunkel scheint.
zünd’ die kerze an und – blind auch – schau’,
wie leuchtet sie dir ins mit dir vereint.

licht ist arbeit mittendrin in schatten.
schwarz ist weiß im gegensatz verbunden.
himmelblau sich dem gewölk entwunden,
als würde dunkelheit im licht ermatten.

ja, dein licht ist nur ein blakend funzeln
und dennoch wirft’s voraus beleuchtend funkeln,
darin dir so hell verdunkelt schwärze,

schatten werfend aus ergrauter kerze.
doch diese arbeit ist zu tun in stille.
herzstillstand sei blau darum dein wille.

(260215)

 

„Lullaby for Cain“ (Komp.: Gabriel Yared, Singer: Sinéad O’Connor)

digi.diary 62 – 4

glaube, liebe, hoffnung – dieser dreie
ist die hoffnung größte, weil sie ist,
wie es nicht bleibt, dass sie noch wartet, bleibe
wenn nicht kurzer, so in langer frist.

hoffnung ist, auf liebe zu vertrauen,
dass kein einz’ger, aber mancher weg
führt g’rade von dem fehl’nden pfad zum glauben,
unter meine füße fest gelegt.

nicht mehr dort erstarren, auf sich machen,
weiter in die hoffnung rennen, gehen,
zu wecken traumverluste zu erwachen.

wohin uns’re wunden zehen tasten,
sind wir nicht mehr, bleiben nie mehr stehen,
denn nur die hoffnungslosen werden rasten.

(260130)

digi.diary 62 – 3

halbe rote sonne, halbkreis weiß,
gier sich streckt nach grün und weißem land
im winter noch vor dem, was frühling heißt
und war nicht mehr verbunden und verwandt.

braun-orange von sonnencréme on rocks –
macht macht ihn jetzt trunken stets und lüstern,
als ob es antwort wär’ am strand der docks.
und all die zuverstimmten, wenn sie wüssten,

was kommen würde oder nicht: ein krieg,
das unbedingte, heilig nicht: ein tod
zum schluss in unverknüpfte enden hieb.

so blieb zu bleiben weiß-rot-weiß und rot,
was uns niemals und vorher hierher trieb
und scholle auf die and’re eis’ge schob.

(260120)

 

digi.diary 62 – 2

„ich schrie und schrie und schrieb, ich schreibe“ (klavki)

mein erster laut, das war ein heis’rer schrei,
nicht wollte dorthin, wo ich angekommen.
wohin war statt woher mir einerlei.
nun bin ich dort und davon stets beklommen,

von all dem ist in das vorallem nichts.
nur wenn ich davon schrei(b)e, bin ich da,
denn ohne schrei(b)geschweige einst zerbricht’s,
woher ich bin, wohin ich vorher war.

ich blick’ im traum zurück und nicht voraus,
welch’ wege hinter mir verschwanden: nord
war kurs und nie nach süd zurück ein ort.

„ich war, ich bin, ich werde sein“ – ein graus!
will gar nicht her, wohin ich schneller lauf’
von meinem ersten zu dem letzten wort.

(260117)

digi.diary 62 – 1

du gabst mir einen korb, so voll von küssen,
ich blühte auf in den olivenblüten.
wer könnte sie vorm weißen winter schützen
und mich vor ihrem eisgeblüt behüten?

was war das jüngst, ein bisschen zartes lächeln,
das du mir wie ein taschentuch gereicht,
als wenn der sonnenschirme hurtig fächern
und wind auch meine lippen hat erreicht?

bin atemnot davon, nicht luft zu holen,
sie vielmehr tief in mir jetzt anzuhalten,
parfüme anzuzünden auf den kohlen,

die brennen in mir feurig lodernd loh
und räuchern meiner krausen stirne falten,
als wäre ich in meinem weinen froh.

(260115)

punkt.14

„der and’re zustand“ ohne eigenschaften:
KOMOREBI – das sein in allem gleichmaß,
bewegung in das licht da über schatten
wie spiegelbild in flasche und im weinglas.

denn situation ist nun und immer,
das sein im mittendrin, gleichwohl dazwischen,
wenn schattenspiele dachen deine zimmer
und ränder sind den wänden schon gewichen.

das nächste mal ist nächstes, jetzt ist jetzt,
und früh’res war und wird ein dann und wann,
von zeiten an bedeutung überschätzt.

stabilem stehen ist heut’ auszuweichen,
wo leben wirft dich raus und eng heran
ans licht, das wird das schwarz in weißes bleichen.

(251221, angeregt von „perfect days“ (wim wenders, 2023) und der längsten nacht des jahres)

 

Link:

Verkündigung zur Weihnacht

Statt Karten hier ein Video-Fundstück (aus alpha-retro) als Weihnachtsgruß:

Im Advent 1967 lief im Bayrischen Rundfunk die 69. Folge des „Bayrischen Bilder- und Notenbücherl“ des Volksliedsammlers Wastl Fanderl. Dieser etwas jovial (und Knie tätschelnd – war wohl Zeitgeist) daherkommende Herr hatte in dieser Sendung das Gesangstrio Fischbachauer Dirndl zu Gast.

Sie sangen das aus dem Barock stammende Volkslied von Mariae Verkündigung durch den Erzengel Gabriel – der mit den weit gebreiteten Armen, wie der Wastl vorführt. Und die Greinsberger Kathi (die Weberin), die Prochazka Rosi (die Hausfrau) und die Bucher Fanni (die Bäuerin) singen davon betörend – mich, vielleicht ja auch dich …

Frohe Weihnacht!

Übrigens: interessante Doku über die Fischbachauer und andere bayrische Volksmusiker*innen