Archiv des Autors: jmeyer

wirr #6

Unter deinen Schirmen / Bin ich vor den Stürmen / Aller Feinde frei. / Lass den Satan wittern, / Lass den Feind erbittern, / Mir steht Jesus bei. / Ob es itzt gleich kracht und blitzt, / Ob gleich Sünd und Hölle schrecken, / Jesus will mich decken.

aus dem schwindel find’ ich ins verschwinden,
tief aus text ins tintenfass ertrunken.
politisch, weil privat, ist mein empfinden,
ich hab’ mich außer mir hinein gefunden.

die alten kämpfe sind, zumal im frieden,
die neuen – hingerannt: parole krieg!
als wären wir im einverstand verschieden,
als stieg’ ich aus dem grabe, wo ich lieg’.

wo ich bin, ist interdisziplärr
nichts aus allem in doch alledem,
zu fragen, wem ich bin, der doch einst wär’

unter solchem schirm, geschützt vor sturm,
leichtert ihn der ballast sehr bequem
und kriech’ ich in den himmel als ein wurm.

(240612)

wirr #5

was weiches, dürres drumherum geschlichen.
entzückt zu viel gesagt in konsonanten,
in aquarellen farben ausgeglichen
ins schattige vertraulich anverwandten.

das kissen in die finsternis geschmiegt
und in die nacht zuvor den müß’gen morgen.
wie man sich bettet, dann auch linder liegt,
als blieben beide sich von fern verborgen.

ein schlaglicht tanzt durch echos müder schatten,
als hätt’ ein strahlend licht die milde kraft,
das dunkle mit dem glänzen zu begatten.

ich bleib’ im tusche-casting tief im bett.
nicht schillernd, sondern flach und grau und matt
färb’ ich mir dies’ pastellene sonett.

(240605)



Soundtrack Bass & Conga & SynthStrings (found footage, bearbeitet):

wirr #4

außer mir ist nichts, wenn außer mir
ich bin, wo unter mir kein himmelssternen,
kein boden über dem geflügelt tier,
druntem hoch das drüber zu entfernen.

rechts und links und hunger statt der gier,
das vorn vom hinten, gestern von dem morgen
oder gar das dort fern von dem hier
zu unterscheiden, ward mir bald verborgen.

wenn jedes ende soll ein anfang sein,
was wird dann nach wie vor aus solchen kreisen
um’s kalb herum getanzt, aus gold’nem stein?

wo ist das paradies, wenn nicht auf erden?
was meißle ich hinein dem stein der weisen,
wenn in mir war, was wird einst aus mir werden?

(240601)

wirr #3

den frauen, die mir heiß die hölle machten,
bin ich die hölle, eis, mich einzufrieren,
dem aufgetaut getauchten und erwachten
am pol die starren schoten doch zu fieren.

es sind die mütter, töchter und die schwestern,
die tanten zu den onkeln, deren frauen
mich auserwählten für ein morgen gestern,
am fenster nach den eltern auszuschauen.

die tage schlichen stiller durch den flur,
die nächte durch die tür der zimmerzelle,
wo spielzeugautos brummten ihren schwur,

dass wo ein weg, ein abgrund stets erhelle
die himmelhoch verrückte reifenspur
und dass sie blieben hier auf alle fälle.

(240530)

wirr #2

das heu ist weich, doch sticht mich daraus hafer,
schmeckt kraut aus grünem saurer, süßer, bitter,
nach salz, umani auf der zunge, scharfer,
ein stumpfes schwert dem scheidenstümpernd‘ ritter.

und blume da, die blüht’ auf deinen lippen,
mich in dich nicht, doch daraus her zu falten,
die säfte in das brot hineinzustippen
und davon fern als nährender mich halten.

getrocknet gras auf weiden für die kühe,
ein stroh den kälbern, den’n wir saugend danken
zuhaus’ im stall, im hof die milch der frühe.

ich bin wie du den tieren. wie wir wanken
im brüllen aus- und einverstand’ner mühe.
wir würden blütengleich auf wiesen ranken.

(240522)

wirr #1

an diesem tag allein mit mir, dem ort.
ich kam dahin aus langer zeit, bevor,
und ging und schritt nicht weiter wieder fort,
mein auge blind und taubgefühl im ohr.

in dieser nacht begann ich auf den tasten
erneuten weg durchs alpha- und gebet.
vergeben ist’s vorherig‘ rauschend rasten,
weil, was nicht sinkt zuvor, nicht widersteht.

in diesen zeiten muss ich auferstehen,
mich sammeln zwischen spalten und den zeilen,
das schreiben, dichten jünger zu verstehen,

als was ich mir diktiere in den blog.
ich sink’ und recke mich ins tiefer steilen,
aus einem blühend ast wächst solcher stock.

(240520)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 42

Ich stand im Feld,
es blühte voll von Mohn
und Gräsern, Gräben,
tief bis an den Helm.

Die roten Linien,
die ich überschreiten muss,
sind ist aus dem Garn
der roten Fahne gesponnen.

Ich bin der Text, der Text ist ich.
Er sagt: Ich war,
ich bin, ich werde sein.

Denn die Trauer der Arbeit
bleibt zu verrichten,
selbst wenn nichts ist, wie es bleibt.



(„ … alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ – Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1: 385)

(240424)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 41

Aus all dem Gekraute dem Erdboden gleich,
aus Wurzeln hinauf. Hinaus schon zwei Zentimeter
ist Licht und grünt’s.

Du siehst über dir, sehr hoch
die roten Kirschen,
die nicht sind für dich.

Denn weil du dich überschätzt,
machst du dich ganz klein,
duckst dich dem Erdboden gleich.

Im Dunkel warst sichtbar.
Hier im Licht bist du verblendet,
erblindet vom blütigen Rost dort oben.

In all dem Krauchen, dem Erdboden gleich
aus Gräbern gekrochen, nicht erstanden,
ist nicht, wie es bleibt, das Schwarz.

Es ergraut, pigmentlos die Haare.
Ins Weiß, auch keine Farb’, keine Weisheit,
erbleichst wie ein Sommer von weit.

Taube fliegt grau. Dem Erdboden gleich
der Dachrinne ein Kadaver ihrer Art,
hoch droben sein Grab.

Zweige wirfst du wie Pfeile,
bis sie sich kreuzen
am Leichnam – dem Nest.

(240326)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 40

Einst hatt’ ich Leidenschaft,
jetzt eher Leiden,
bleib‘ in der Haft,
die Freiheit zu vermeiden.

Wie ist ein Aufgang zu bewegen,
wie aus dem Untergang
dem Morgenrot entgegen
und seinem Überschwang?

Es fehl’n noch Untergänge,
die neuerlichem raten.
Es braucht erst noch mehr Zwänge
und Demut, läng’res Warten.

Es ist nicht, wie es bleibt,
wo Rückschritt geht voran
und mich zum Ende treibt,
wo Anfang mir begann.

(240129)