Autorenarchiv: jmeyer

digi.diary 62 – 17

im quirl’gen strom und meines sumpfes sog,
aus dem ich mich an alten zöpfen zog,
da tauch’ ich immer wieder auf, ein korken,
sich selber hat ins dunkele geborgen.

im tiefen traum, da ist selbst schrilles still
und schweigt darüber, was ich wollt’ und will.
in welchem grund ich werde jetzt verschwimmen,
sagt eine nur der predigenden stimmen:

es ist die meine, in dem chor verstummt.
ich bleibe krank und werde nicht gesund.
es sei denn sturm im wasserglas schlüg’ wellen,

versenkt’ mein segelschiffchen aus papier –
in ruhm und ehre, sucht und in die gier,
hinabzufahren in die eig’nen höllen.

(260808)

digi.diary 62 – 16

ich darf nicht trauern, es gibt keinen grund.
es geht mir gut in allen meinen leiden,
denn meine welt ist flach und nicht mehr rund –
aus gründen, sie ins leben zu vermeiden.

ich halte mich an mich im so verstummen,
ich zog zwar aus, doch zieh’ nicht wieder ein:
das sind die summen meines selbstverwunden,
durch differenz bleib’ ich in mir allein.

what’s on?, was geht?, was läuft und bleibend steht,
und welcher wind aus welcher richtung weht,
blas’ ich in selben die bekümmernis.

es werde „lichter in der finsternis!“,
so sagt’ und sprach ich, schrieb und damals sang.
es ist nicht jetzt, weil hergewesen lang.

(260730)

 

digi.diary 62 – 15

wie riechen blüten aus den schönen frauen?
rosig, erdig, algig und meerblau.
mein näschen flehmend, hinterher zu schauen
aus meinem haarkleid, war schon weiß und grau.

wie riecht das leben, wenn es sich entfernt
vom tod, vom untergang nach aufgang strebt?
denn wenn der himmel ist noch nicht entsternt,
bleibt etwas und noch mir, das überlebt.

das war an dir dein wundervoller duft,
der mich berauschte und – noch mehr – betörte
und nahm mir aus den lungen dünne luft.

ich presste meine nase in den spalt,
auch wenn er mir so gar nicht mehr gehörte,
zu fallen in dein’n innersten gehalt.

(260721)

digi.diary 62 – 14

marken auf dem weiter weg zu sein,
zu sprühen an die wand aus farb’gen dosen,
als wären wir ein zeitlos zollverein
gerichtet auf die unverbunden losen.

wohin ist nicht die frage, doch woher:
wo waren schiffe wir, an welcher küste,
wo wird es leichter, wo noch schüchtern schwer,
zu überdauern in des herzens wüste?

der weg indes, der stolpersteine lauf
dies ausgefaltet mir nicht hindernis,
als wär’ es dennoch schau’n und stehen auf.

ich bin mir selber nicht verwandt, gewiss,
doch bleibt, dass etwas lange her und war,
als wären wir, die sind und bleiben da.

(260719)

digi.diary 62 – 13

gestrandet hinterm horizont, „amour“;
ins dickicht zeit auf ewig eingepflegt,
auf einen weg, den niemand nimmer fuhr,
die weißen segel längst ins nichts verweht.

wo bleib’ ich, wenn das leben ist verrückt
in häfen nicht der liebe, doch verlandet
in wuchernd’ ranken, wildnis aus gestrüpp
und in das nichtmehr ist so dürr verwandelt?

das boot, es wird mich bring’n ans and’re ufer,
wie charon tat, des hades treuer fährmann.
ich rief ihn an, ich war der ängstlich rufer,

nach reihenfolge, fahrplan fragend: wer wann
wird gehen dort hinüber trock’nen fußes,
die lispelnd’ lippen feucht des letzten kusses?

(260710)

Foto: Daniel Krönke

digi.diary 62 – 12

das außen drängt nach innen, dies hinaus.
ich falle dir ins wort und deinen arm
hoch im turmgefängnis, dennoch raus
aus schwerkraft, leid, verzicht, in kälte warm.

von sternen, sterbend, bleibt noch das verglühen
als letzte pracht vor allerletztem wort,
das cool sein will in ängsten vorm verblühen,
das nah blieb, wenn es ging auf weit hinfort.

dran zu bleiben, sei jetzt ein ereignis,
weiter steigen auf den turm so hoch,
mit jedem schritt, der viel zu kurz und weit ist.

das wäre dann des pudels kern und list:
raus aus den ebenen und warmem schoß.
an der zeit ist’s und die letzte frist.

(260708)


digi.diary 62 – 11

odysseus aber segelte und schwamm
der meilen viel nachhaus’, nach ithaka.
dort wartete penelope – seit wann,
liebt’ ich und war bedeutung dess’ gewahr?

ein bisschen bin ich doch in dich verliebt.
ganz einfach nur der liebe lüst’rer lohn,
an den du mit mir schüchtern noch gerietst,
als sei’s bekenntnis nicht, doch loher hohn.

dein liebes lächeln aber, unverstellt,
dein lachen hell, ein licht und jauchzend klar,
wo keines auf die wunden knie fällt.

bleib’ da, fleh’ ich, wo bleiben wir verschieden.
es ist nicht, wird nicht sein und dennoch war,
wo wir sind, werden und wohin wir blieben.

(260622 – für lu***)

digi.diary 62 – 10

das inn’re kind, mir fremd und doch geträumt:
es watschelte wie enten wankend tun
und hat sein zimmer noch nicht aufgeräumt,
in windeln ei gelegt, obwohl kein huhn.

ich kann nicht geh’n, ein kinderwagen, rollstuhl,
sind mich behütende beförd’rer oldschool.
das schwesterherz lockt naseweiß mit blüten,
von weit her zirpt in mir, sie zu erbrüten.

die mutter aber und die schwester halten
ein jedes ich in mir und dir gefangen,
damit nichts neuer wird, doch bleibt beim alten.

ich stief’le links, ich stief’le rechts, es bleibt
ein schritt voran, zurück hin zu gelangen,
wo augen, ohren und das herz war’n weit.

 

(260617)

digi.diary 62 – 9

von den fenstern zu dem gras am see
ein blick auf zugezog’ne horizonte
in die hoffnung aus noch schücht’rem weh
auf welches, das die dunkelheit besonnte.

ein anfang neu an all den faserenden,
weg vom weh – wer weiß, wohin’s beginnt.
es könnte gehen, sich für das verwenden,
dem so manches lied darin verstimmt

zum weinen, ach, zum dennoch lächeln auch,
sitzend in des selben drachens boot,
das unter wasser senkt sein tiefes lot,

bewahrt uns schwanger warm in seinem bauch.
tauchen, frag’ ich, oder fliegen wir
vom einzeln zu den allen – dort und hier?

 

(260512)

digi.diary 62 – 8

zuhause: ein chaos, verd(r)ecktes, ein nichtschon, ein je
auf gestern und heute gesetzt, nicht mehr auf morgen,
an dem ein erst- zum letzten mal geschäh’,
das würde mich verschwundenen mit mir versorgen.

so ist das draußen im neblig innerst licht
der ersten blüten am hurtigen wegesrand.
mir scheint, das will sterben lange nicht.
es feiert und feuert und setzte sich in brand

der flamme, die mir fremd, dem schattenwesen.
was ging vor da unter mozarts zopf
und auch der kugel, was war da genesen

inmitten leid und freud’ und überdruss?
alles drin ist in dem kugelkopf.
doch flieht und fliegt es dann heraus, ist schluss.

(260316: die form des sonetts rhythmisch partiell auflösend)