Archiv des Autors: jmeyer

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 12

„From a garden of God’s light to a wilderness of night“
(Gabriel Yared: „Lullaby for Cain“)

Aus dem sing’nden Schweigen stummer Nacht
wie ein Falter um verblitzte Lichter
flog ein Vers zu mir, war ausgedacht
nicht von mir, doch einem and’ren Dichter.

Von den Hügeln dort am Horizont
sangen Grillen mir nicht, doch ich ihnen:
Balzen um die Braut, die nicht mehr kommt.
Sie war viel zu sehr und längst verschieden.

Ende war dem Anfang einbeschrieben,
vorm Altar war Letzt’rer hingestürzt,
Knie so wund, gebeugt vom vielen Lieben.

Lass’ uns graue Mäuse vor uns fliehen;
lass’ verborg’ne Schöße unbeschürzt;
Mauerblümchen lass’ im Schatten blühen!

(230805)

Links:

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 10

Das Chaos hier daheim
ist lediglich noch nicht entzifferte Ordnung.
Meinen auch die Tauben,

die distanzgemindert und
Kulturfolger frech durch die geöffnete Balkontür
hereinspazieren.

Ich verscheuche sie (wie mich) nicht,
auch sie brauchen ein Biwak, schlampig
zusammengekippt aus allerlei raunendem Abraum.

Irgendwann, im übernächsten Sommer vielleicht,
bauen sie ihr Nest zwischen
staubig vertrauten Buchrücken

und ziehen hier ein – und ich nicht aus.
Denn meine Tür steht immer offen
und die Fenster sind frisch geputzt.

(230731)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 7

„Arbeit macht frei“ und daher
keine Gefangenen …
außer die Dreigroschenlöhner*innen,

die an sieben Tagen drei Löhne einsammeln.
Wer das als „Ausbeutung“
bezeichnet, gilt als Lügner*in,

zumindest Träumer*in
im GenderPayGap der Verhältnisse,
die sich selbst verzweifelt nicht umstoßen lassen.

Derweil ist das Klima aka Kapital
das drängendere Problem, das sagt:
„Ich war, ich bin, ich werde sein.“

(230728)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 5

Das Grün ist mir beim Knospen schon abhanden,
es explodiert in jenen Sommerregen
als Zartes deiner mich verliebten Wangen,
auf die ich küsst’ dich, Liebling, Traumes wegen.

Das Himmelblau, es blich mir aus dort droben,
wo Schäfchen grasten auf der Wolkenweide,
die war ins schwindelnd Licht hinauf gehoben
von lila Blüten auf der herbstend’ Heide.

Das Rot dazu, das einst auf Fahnen wehte
als Tuch und Banner uns’rer Friedenswerke,
zu spät für Frühe und zu früh fürs Späte.

In RGB ist Farbe enkodiert:
das Rot, das Grün, des Blaus bewundert Stärke,
das uns die Farben alle hier gebiert.

(230725)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 4

Ich glaub’s kaum, aber:
Gut ist genug.
Sehr gut ist Gelaber,
nur genug ist gut.

Lass’s doch einfach gut sein!
Nicht dass du’s Denken aufhörst,
wie’s gut geht weder aus noch ein,
es vielmehr gut machst, wie es sich gehört.

Gut ist genug.
Ich lass’ das Gute sein,
geb’ ihm sein Recht und Fug’,
damit es wird genug

und mir genügend.
So dass es trägt mich
den mut’gen Sprung beflügelnd
zum guten Unerträglich.

(230724)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 1-3

1

Auf einem Ölgemälde (Seestück)
ein Küstenmotorschiff in schwerer See (und Not):
Ich imaginiere Ruderbruch.

Fort-Bewegung hin:
vom Wegesrand her die Krauts in den Fugen
zwischen Gehwegsplatten und Bordstein.

Abfallwirtschaftshof: Zwei Möbel,
Style „Gelsenkirchener Barock“,
werden dem orangenen Container übergeben.

Schwimmend im Freibad schwindelt der Blick
zwischen Wolken oben und Frauen im Swimsuit unten,
die ihre Badekappen und Brillen abnehmen.

(230722)


2

Eine „Kleine Theorie der Sehnsucht“
müsste, um Fuß zu fassen,
zunächst klären, wer aufgesucht werden kann.

Ferner Frage: Welches ist ihr abhängiger Anteil
und wie erstrebenswert wäre Unabhängigkeit
vom „Craving“ während einer Sommernacht

nach der hübschen Bezugsperson
(seit acht Wochen nicht konsultiert,
also ihren / uns’ren Sommer versäumt),

die mir Projektionsfläche in 3D
bietet für meine Träume von
Höschenlämpchen bergab leuchtend in den Abgrund.

(230722)


3

für M.

Es war einmal ein Bombenleger,
der hatte sich verknallt
in den Schacht, in den er seine Bombe legte.

Er sagte und sprach nachts vor dem Screen,
er wolle „in sie explodieren“,
während sie an ihrer Zündkerze spielte.

Als nun aber der Bombenleger
solchermaßen fehlzündete,
seine Zunge nicht im Zaum, sondern in ihr hielt,

sprudelten aus ihr die
„heilignüchternen Wasser”
„und Krakatau fiel“.

(230722)

sump [AT] 41

„Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.“

(Gebrüder Grimm)

im scheitelpunkt des halbkreises
der drei bildschirme
um mich:

  • links backup im bildschirmschonermodus,
  • in der mitte brief des zentralkomm!tees
  • an den politbruno rechts im tagesschau.tv,

bin ich: neunundfünfzig.
„ich auch, ich auch!“, plärrt das kind,
irgend zwischen fünf und neun.

„nimm platz auf meinem schoß“,
sag’ ich (neunundfünfzig),
„und schau’ die welt im rund!“

sagt’s kind (ängstlich):
„es ist doch nur ein halbes
rund ist nur die (bess’re) hälfte,

sind ecken dort am radius,
quer ein messer durch
mich mittelpunkt!“

(230711)

 

sump [AT] 40

zett be or not zett be,
das ist die frage,
ob ich vom balkon fall’ wie der nachtregen

oder schriebe von der heide
bei lüneburg, südlich jütland,
wo sie jetzt eben nicht grünt,

sondern violett zu blühen beginnt,
also eher à la „blaue blume“.
wobei das mit dem grünen

schon was für sich hat:
als phytoplankton wegen der beruhigung,
anders als blau schon vor dem montag.

(230709)

 

sump [AT] 35

1

im sommerregen,
der dicht in fäden
herniederstürzt,

werden die möwenküken –
noch grau – vom dach gegenüber
krähend flügge.

breiten schwingen und die
aufgeregten stimmen
über den hinterhof, dort wo

die mauerfugen erodiert
sind wie im mund der
schlothohle zahn.

2

vor ein paar wochen: zierkirschblüten
mehr auf den weg hingestreut
als noch an den ästen – rosé.

meine entfernte freundin indes
zeigt mir die prallen rosen in ihrem garten
auf facetime:

wacklige kamera, sie schwenkt
auf die katze, die ihr
zärtlich um die füße streicht.

vor ein paar jahren: kirschzitat
am selben ort wie jetzt,
etwas früher im jahr, noch knospenaufbruch.

3

im bus schaust du nach draußen,
wie der straßenrand vorbeieilt.
kräuter im rinnstein,

in den fugen der gehwegsplatten.
jetzt im sommer viel
weiteres diverses grün

am so genannt wegesrand,
einiges allerdings rings
schon verdorrt.

es sei denn ein regen
macht tiny teleskoplinsen
auf die scheiben.

4

der hain. über die straße vor dem haus,
dann an den häusern mit lauben-
gängen vorbei bis zur nächsten

ecke, kurz davor grünstreifen:
eine passantin mit hund
und barfuß, schwarze sohlen.

wie gewohnt „schweigt der sommer
von weit“, kuschelt in den schatten der bäume
jetzt am späten abend.

auf dem weg zum laden –
titanic-länge-weit –
wo ich tomaten und byebyesilikum kaufe.

(230629)