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punkt.14

„der and’re zustand“ ohne eigenschaften:
KOMOREBI – das sein in allem gleichmaß,
bewegung in das licht da über schatten
wie spiegelbild in flasche und im weinglas.

denn situation ist nun und immer,
das sein im mittendrin, gleichwohl dazwischen,
wenn schattenspiele dachen deine zimmer
und ränder sind den wänden schon gewichen.

das nächste mal ist nächstes, jetzt ist jetzt,
und früh’res war und wird ein dann und wann,
von zeiten an bedeutung überschätzt.

stabilem stehen ist heut’ auszuweichen,
wo leben wirft dich raus und eng heran
ans licht, das wird das schwarz in weißes bleichen.

(251221, angeregt von „perfect days“ (wim wenders, 2023) und der längsten nacht des jahres)

 

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punkt.13

vermutlich ist der zustand tot statt leben
in all den sternenweiten eher die regel,
wo kein geflecht aus sein sich würde weben
und jede regung wär’ von einem flegel,

ein nicht-sein an dem schmalen grade sein.
ganz ohne hoffnung auch, auf dass mich retten
ein and’res könnt’ als nur ein schöner schein.
auf das mag ich nichts größeres mehr wetten.

in solcher lage gilt es sich zu legen
auf nicht in himmel, sondern festen boden,
ins loch aus nichts, den leeren mund zu fegen

von allen silben frei und auch gebeten,
die jedes wort aus wörtern hat betrogen,
zumal wenn bot es an sich als verwegen.

(251214)

punkt.12

was, wenn ich wäre wildes wenn und aber?
wo würde solches sein und mich verankern
im bleiben, das nicht sein, doch ist ein hadern
des ungewohnten im so bang bekannten?

ein blick aus leichtem schlaf in luft’gen nebel
erfasst im dunkel flatterlichtgestalten,
die wär’n noch fest und sich’rer halt und hebel,
mich zu erheben, fremder der gewalten.

nach welchem fähnchen hänge ich den wind,
mit welchem schiff ist’s wrack auf jungfernfahrt,
die nach dem schiffbruch erstes mal beginnt?

anstelle solcher existenz in fragen
bin ich – du auch – zwei letzte uns’rer art,
die antwort fern, weil nichts mehr ist zu wagen.

(251205)

punkt.11

was ist das zarte, das da in mir wäre,
in und um mich, welches in mir drinnen,
was das, welches nächtlich ich gefährde,
welches würde mir und dir gelingen?

ist das harte, das mich daran hindert,
pflock, den einschlug ich in weiten feldern,
weggemark und stein, der überwintert
wie die trauer um die toten eltern?

ich stehe auf und leg’ mich wieder hin,
wohin ich möchte tief und höher sinken
als der, der ich nie war und dennoch bin

so zart und gleichwohl eisern, rostig, hart
werd’ ich mir selbst und dir hinüber winken
aus meinem untergang in voller fahrt.

(251121)

punkt.10

wie rät ein untergang dem (über-)nächsten,
was ist empfohlen solchem rettungsboot,
was wäre vor und nach dem jetzt verwesen,
wenn in die neue tiefe sinkt das lot?

was mach‘ ich, wenn das glück dem unglück weicht,
und nicht mal wüsste, wem das glück beschieden?
was fiele mir darin zu schwer, statt leicht,
es hinzugeben, was war mir geblieben?

die untergänge als hinaufbetrieb,
verschwinde(l)n ist wie eben aufgewacht
in alter wie der darin neuen lieb’.

und aufgang dann am and’ren von dem ende,
als ob der anfang übers ende lacht
und zeigte an und auf – „all in“ – die wende.

(251115)

 

Link: http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6828

punkt.9

die bellenden wie an eleven/nine
und später auf der mauer deren stürmer:
das reich zurück im altvertrauten heim,
als wär’s wie blut und boden das der würmer.

was aus dem damals heute wieder kroch,
das ohngemachte deutsche ungetüm
war für die rachgesüchtigen der stoff,
der ließ als „volk“ sie werden ungestüm.

sie rasten, reisten, kletterten auf halden,
auf die sie selbst geschichtet wie einst leichen,
gehörend zu den jetzigen und balden.

vom „das“ zum „ein“, so völkisch ihre grenze,
sie stellten westwärts auschwitz’ rost’ge weichen
und war’n wie vorher wieder die gespenste.

(251109)

punkt.8

ein blatt aufs andere sich schichtend legt,
als fiele es und bliebe flatternd liegen
auf weiß vom blei(ch)gestift ganz steif bewegt,
den vers gleichwohl geflüstert und verschwiegen.

(Foto: Kai Zimmer)

zerriss ich es noch vor der zweiten strophe,
doch sammelte die fetzen wieder ein.
auf das terzett ich weiterschreibend hoffe,
als käme wahrheit noch wie licht hinein.

papier’ne stapel sich doch treulich fügen
im wind’gen wort um wort und vers um vers,
nur bisschen mehr verbunden mit den lügen …

es ist das rote blatt aus meinen reimen,
es saget nichts, doch war’s und ist’s und wär’s,
was aus dem meinen dunkel wird noch scheinen.

(251021)

punkt.7

das laub, erst grün, dann rot ins braun verschoben,
die kleine aster bunt, weil tief im herbst.
ich bleib’ mir selbst in meinem sein verbogen
als einer, der du selbst sich hat vererbt

dem grab zur lebenszeit, dem haus als bude,
verlegen tief versunken in das bett,
der eig’nen trock’nen muschi als ihr lude,
in dürre in dem selbstvergess’nem fett.

ich war, ich bin, ich werde sein ein bonbon,
die bonboniere für kartoffelchips
und flattere, woher ich kam von von-von,

daher und niemals damals, jetze, dann
bevor mich traf der schräg verschränkte blitz
zu fragen nicht, was wäre dann vor wann.

(251019)

punkt.6

das feuer und das wasser, erde, luft
im sich versehren eins ins andere,
zu viert verwandeln sich im herbst in duft,
durch den ich strauchele und wandere.

das feuer- und sein strömend wasserwerk
eins brennend, anderes erstickt in wassern,
das eine sich dem anderen verwehrt,
das wilde bar der deiche sich dem krasser’n.

ich brenne loh, im nassen suff ertrinke,
gelöscht, vom feuerwasser aus gemacht,
und send’ mit zitternd hand noch winke-winke.

ich fuhr hinab ins meer und auf in luft,
als hätt’ ich mich im sinken ausgelacht
so abwärts in der meinen tiefen gruft.

(251014)

punkt.5

du duftest noch wie blaue blum’ – durch draht
aus stacheln sinkt ein schiffchen aus papier,
wo eben noch gestickt ist eine naht
im sich verstehen zwischen dort und hier.

denn jetzt ist wieder nebel, asternherbst.
es ist und war nicht, wie es blieb und bleibt.
als ob ein charon kanu rüberfährt,
zerteilt die weichen wellen und die zeit.

als wäre noch, was nimmersatt schon war,
als zögen über engen himmeln flügel
von einer schwarzen vögel krächzend schar.

ein was auch je, das dann im schlingerschimmer
schmiegt grün sich, grau an seicht geneigte hügel,
was wär’ für jetzt nicht, doch im damals immer.

(251009, für rina)