42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 31

Mein Herz ist eine Sanduhr,
zu eng sein Hals, dass sie abliefe.
So schlägt es die Stund’ immer weiter.

Die Therapeutin dreht sie um
am Anfang des Gesprächs, dann sickert der Sand
für 50 Minuten, er ist grau, wir sind blond.

„Wie sieht’s aus?“, fragt sie am Anfang,
und ich wage nicht zu sagen, dass sie gut
aussieht, weil bei ihr keine Aussicht ist

in den Schoß, seit sie es weiß,
auch nicht auf ihre Füße
und eh nicht meine Zukunft.

Wir graben uns durch die Stollen
des Bergwerks von Falun
in Stiefeln vor zum Verschütteten.

Mit einem leichten Atem
bläst sie das Geröll hinfort:
Ich müsse mich nicht beklagen.

(231004)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 30

Den Tag der Vielfalt werd‘ ich heute feiern
und keine Einheit, nur die Einsamkeit,
der Utopie von damals in ihr’m Scheitern,
zu der wir war’n und sind noch nicht bereit.

Das, was (zurecht) zerbrochen und verging,
erlaubt nicht, dass der Sieger weitergeht
und macht sein kapitales Diebesding,
das hier und wieder auferstand und -steht.

Kann ich das Heimat nennen, deutsches Land,
wenn dreiunddreißig zählt auch dieses Jahr?
Verschlossen fühlt’s sich an und unverwandt,

wenn Heimstatt dort wie je nicht jenen gilt,
die anders sind, wie ich nicht eure Schar,
und sie dies Land so herzverloren killt.

(231003)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 29

Notizen fürs Gedicht sind wie verhext:
Puzzle, das zu keinem andren passt.
Zu nah und dennoch viel zu weit komplext
der Text, die Nut, die nicht in Feder fasst.

Was steht dort, Kritzelhingeschrieb der Glosse?
Das Wort heißt „neben“, schräger noch als quer,
und landet schließlich in der Zettel-Gosse,
weil Eigenheimen fällt ihm jäh zu schwer.

So dicht’ ich besser doch in einem Rutsch,
den Räuschen gleich, dem Fließen fort aus Zeit,
nicht ganz so Sperm- und Sema, mehr auf Swutsch,

ganz kirre und verworren, stumm und wirr
zum Sturz aus großer Tiefe nun bereit,
mich zu entwinden aus Gedichts Geschirr.

(230925)

Sätze für ein Requiem (1986)

Mittwochschor der Heinrich-Heine-Schule Heikendorf, Ltg.: Heike Meyer; Orgel: Helga Hoppe; Komposition: Jörg Meyer

Mitschnitt der UA am 15.11.1986 in der Anker-Gottes-Kirche Laboe

  • 1. Präludium
  • 2. Requiem
  • 3. Dies irae
  • 4. Liber scriptus
  • 5. Sanctus
  • 6. Benedictus
  • 7. Agnus Dei
  • 8. In paradisum
  • 9. Libera me

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 26

Die gegenwärtige Wirklichkeit ließe sich als
diasporös beschreiben, was mit Löchern drin
und fern von Heimat, was unverbrüchlich Brüchiges,
Entgleitendes, unvollständig Defektes,

jedoch nicht defizitär:
Ein so Seiendes, wie es bleibt.
Ein umfängliches Paradoxon,
Enkeltrick der Erinnerung.

Und Sehnsucht, dies Gefühl
eines einverstandenen Mangels,
zufriedenen Ungenügens,

oft schon beschworener anderer Ort
im Dazwischen, Schweben statt
morgen hier, gestern dort.

(230904)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 25

„Tell the bed not to lay / Like the open mouth of a grave / Not to stare up at me / Like a calf down on its knees“ (Madonna: „Don’t Tell Me“)

Nachts krähen die Kälber auf der Weide,
ängstigen sich. Im Sommer rutschen
die T-Shirts verschwitzt über den Nabel
des Leibs, viel zu lebendig fürs Grab.

Wenn nicht die Kälber, sind es die Möwen,
die schrei’n auf Schornstein und First.
Ihre Brut, grau noch im Federkleid,
längst ausgeflogen: Stummfühlungslaut.

Im Zweifel, ob’s nach Herbst schon, Winter
gar riecht, nach Stall, Weide oder Haus,
sitz’ ich auf mediterranen Balkonen,

Traumländereien, ausgedörrt unter
noch hoher Sonne, am Abend orange
und pupurpink glühend die Rädchen.

(230903)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 24

Vorm Haus steh’n Sonnenblumen,
zu hoch für selbst aus dieser Erd’ gewachsen,
und Zaun aus frischem Bambus gittert sie.

Das Kinofenster vorn – durch hatt’ ich einst
die Spektren and’rer Stern’ vermessen –
ist dreigeteilt von leeren Stegen,

ein Lego- statt des Architekten Haus’,
kein Zauberberg, doch brave Siedlung,
in Ausverkauf verschwunden.

Ein Untergang. Und was rät der dem nächsten?, fragt’ ich
und sammelt’ sie in meinem.
„Es ist nicht, wie es bleibt“, zitiert’ und sagt’ ich.

Doch nichts geht unter, ’s bleibt – nur anders
und ist und bleibt die Sehnsucht nach verlor’ner,
wenn nicht noch nie gewonn’ner Heimat.

Ein weit’res mal vertrieben ist
des Haus’ Erbauer von den Häus’lebäuer*innen,
gefallen in und aus der Zeit.

Ein schwarzgerahmter Traum ward eingeholt
von neuer weißer Wirklichkeit,
den Sonnenblumen statt der Sonn’ bereit.

(230902)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 18

Blau in blau, so die Schatten
und die Stunde und „La Mer“,
das gleichnamige Lied.

Und die so genannte Blume. Ebenso
zyanotische Haut und Lippen
im Wagen mit Blaulicht.

Blau die Phase und ein Zahn um Zahn
weit jenseits Ultraviolett,
zwei-komma-vier Gigahertz.

Blau das Auge,
mit dem du davongekommen bist –
und paar blauen Flecken.

Und all die Farben in RGB,
zwei davon in Ampel:
Bleiben oder Go!

Blauer Montag,
an dem du den Blues hörtest,
weil du ihn hattest,

sahst ihre blauen Augen,
die eher grün waren, … äh,
braun – oder grau?

(230821)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 17

Dabei weißt du doch:
„Wenn du in den Bergen bist, schreib’ nicht über Berge!“
Denn das Idyll – Zweige ragen von links ins Bild,
Zoom und Schärfe wechseln auf das
Pan-Aroma weit dahinter –
ist ein Postkarten-Trick.

Das gilt auch für die Ebenen
und deren Mühen,
die wüste Trockenheit,
den kaltschweißigen Dschungel,
die Diaspora
seit vier Jahren.

Dabei weißt du doch,
wie es sich am Meeresrand
anfühlt, zwischen Fingern rieselnder Sand:
wie ein Streichelnholz an Leblosem.
Es sei denn, dass „der Stein denkt“,
wovon schon immer auszugehen war.

Nur weißt du eben nicht,
ob all die pixie-pupsigen Worthülsenfrüchte,
das Gefühl, das vorbeiblitzt,
echt sind. „Was heißt schon echt?“,
fragst du trotzig. Und gibst ganz vertraulich
der Illusion Raum und Zeit.

(230816)

42 (3. Teil) oder: Die Antworten auf fast alle Fragen: 16

Du hockst auf dem Balkon,
den du Heimat nennen könntest,
die verschrobene Wohnung, den Garten im Hof und im Sommer.

An Donnerstagnachmittagen schunkelst du im Bus
zum Therapietheremin im Vorort,
singlesingend stückweit östlich der Förde.

Während du fährst, streifen Landschaften
an dir vorbei: Kleingärten
und Mittelstandshäuserfassaden,

die nicht so chic sind wie die Hecken
artig beschnittener Grenzen,
hinter denen Werweißwas wieauchimmer wirkt.

Du hockst währenddessen wie immer
auf dem einzigen Einzelplatz hinten-rechts-links.
Frauen steigen ein und nehmen Platz,

deren Haar, direkt vor dir,
zum Beispiel nach Lavendel duftet.
Du riechst aus beiden, den Frauen

und den vorbeileiernden Ländereien,
Unerreichbarkeit und
unbedingten Verzicht.

Du wärest dort, du wirst es nicht!
Du schaust hinaus ins fette Grün
des Übersommerns. Und bist daran dürr.

(230814)



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